Don't Let the Sun
Jacqueline Zünd, Schweiz, Italien, 2025o
Ein unerträglich heisser Ort. Menschliche Nähe ist rar geworden, und die Einsamkeit treibt seltsame Blüten. Jonah, 28, lebt im Dienst der Sehnsüchte anderer. Bis die Rolle als Vater für die 9-jährige Nika sein Leben komplett in Frage stellt. Ein zartes Drama über die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen.
Im Spielfilmdebüt Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd ist die Erde unerträglich heiss geworden. Die Menschen leben nachts, meiden Nähe und Berührung. Jonah (Levan Gelbakhiani) verdient seinen Lebensunterhalt damit, anderen gegen Bezahlung emotionale Rollen vorzuspielen - als Partner, Gefährte, Freund -, ohne wirkliche körperliche oder seelische Verbindung zuzulassen.
Cleo (Agnese Claisse) bucht ihn, damit er ihrer neunjährigen Tochter Nika (Maria Pia Pepe) den abwesenden Vater ersetzt. Das Mädchen spielt der Mutter zuliebe mit, aber mit der klaren Ansage, sie brauche keinen Vater – bis sie dann doch beginnt, Jonahs sorgfältig gepflegte Distanz zu unterlaufen.
Zünd, bekannt für fein komponierte Dokumentarfilme wie Almost There oder Where We Belong, überträgt ihre präzisen Beobachtungen nun ins Fiktionale: oft statische Einstellungen, klare Zentrierung, kontrastreiche Architektur in Mailand, Genua und São Paulo. Gemeinsam mit ihrem ständigen Kameramann Nikolai von Graevenitz und Koautor Arne Kohlweyer schafft sie eine kühle, zugleich poetische Dystopie über Beziehung und Ersatzgefühle in einer überhitzten Welt.
Die Idee entstammt Zünds Beobachtung japanischer «mietbarer Familienmitglieder». Daraus formt sie keine Satire, sondern ein still schmerzliches Drama über Sehnsucht nach Nähe trotz Angst vor Berührung. Symbolische Szenen – ein Laden mit lebenden Eulen, ein ritualisiertes Körperanspringen der Blockbewohner – spiegeln das Paradox aus Kontaktbedürfnis und Isolation.
Trotz formaler Strenge verweist der Film auf emotionales Kino: Figurenkonstellationen erinnern an Spielbergs A.I. oder Bessons Léon, wenn auch ohne deren Sentimentalität. Zwischen Dystopie, Parabel und Menschenstudie gelingt Zünd ein seltenes Kunststück: Ein Film über Distanz, der tief berührt – kontrolliert, zart und von leiser Verzweiflung getragen.
Michael SennhauserGalerieo
