What Does That Nature Say to You
Hong Sang-soo, Republik Korea, 2025o
Die unerwartete Begegnung eines jungen Mannes mit der Familie seiner Freundin. Im Laufe eines Tages und einer Nacht in ihrem schönen Haus mit dem bewaldeten Garten offenbart sich das wahre Wesen jeder und jedes Einzelnen.
Seit dreissig Jahren ist er aus der Filmlandschaft nicht mehr wegzudenken, und jede:r Cinéphile, die/der etwas auf sich hält, sollte mittlerweile das Werk von Hong Sang-soo kennen, einem unvergleichlich produktiven koreanischen Filmautor, der auf den Festivals gefeiert wird. Sollte dies noch nicht der Fall sein, könnte dieses dreiunddreissigste Werk einen perfekten Einstieg bieten. Es greift nämlich die Ausgangssituation der berühmten amerikanischen Komödie Meet the Parents auf, in der eine junge Frau nach Hause zurückkehrt, um ihren Eltern ihren Freund vorzustellen. Doch statt um einen Anlass für haarsträubende Gags handelt es sich hier um eine typische Charakterstudie mit einer bemerkenswert kohärenten Weltsicht. Das Elternhaus liegt auf dem Land, der junge Mann möchte Dichter sein, die Tochter zögert seit drei Jahren, ihre Beziehung offiziell zu machen, ihre ältere Schwester ist ebenfalls da, weil sie wieder bei ihren Eltern eingezogen ist. Alle sind von ausgesuchter Höflichkeit, denken sich jedoch ihren Teil. Für die Eltern geht es natürlich darum, die Tauglichkeit dieses Bewerbers zu prüfen. Daraus ergibt sich eine Erzählung mit genau fünf Figuren, die sich über einen Tag und eine Nacht erstreckt – zugleich ruhig, von Ironie durchzogen und von einer gewissen Spannung getragen. Als veritables Ein-Mann-Orchester übernimmt Meister Hong dabei alles selbst, von der Fotografie über den Schnitt bis hin zur Musik. Dadurch wirkt das Ganze vollkommen natürlich, wie aus dem Stegreif entstanden, einschliesslich der vom Filmemacher beabsichtigten leichten Unschärfe im Bild. Und wenn nach einem Mahl zuletzt alles mit reichlich Makgeolli, dem lokalen Reiswein, begossen wird, dann deshalb, weil Hong dies zu einer Tradition gemacht hat. Am Ende mag dieser neue Film vielleicht nicht an seine grössten Meisterwerke heranreichen. Seine Reflexionen über Jugend und Weisheit, Familie und Partnerschaft, Kunst und Geld, Natur und Kultur aber sind gewohnt tiefgründig.
Norbert CreutzGalerieo
